Irgendwie sind sie in Berlin besonders auskunftsfreudig, es zieht mich erneut für ein Interview in die Hauptstadt. Susann und ich teilen eine Leidenschaft: die analoge Fotografie. Durch die Lomographie haben wir uns kennengelernt. Jetzt sitzen wir an einem kühlen Aprilmorgen in Friedrichshain, bestellen Frühstück, trinken guten Kaffee und das Gespräch beginnt.

 

1    Wann warst du zuletzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

2015, November, El Palmar, Spanien: Da bin ich das erste mal gesurft, das war eine unfassbare Erfahrung. Ich mag daran die stetige und ständige Veränderung. Das Meer ist nicht zu kontrollieren und daher nicht vorhersehbar. Die Natur zeigt hier deutlich, wer das Sagen hat und dadurch übe ich mich in Demut. Ich muss mich nach dem Meer richten, nach seinen Bedingungen. Wenn ich am Meer bin, bin ich sofort glücklich, dann ist der Blick auf das Meer mehr als genug. Mein Kopf kommt dann zur Ruhe. Ich achte mehr auf meinen Körper, übe, bin disziplinierter. Nach dem Surfen bin ich körperlich glücklich erschöpft.

 

 2    Wann hast du das letzte Mal etwas riskiert?

Ganz bewusst, also als richtige Entscheidung im vergangenen Januar. Da habe ich mich ganz offiziell dazu entschieden, ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub zu nehmen um Südamerika zu bereisen. Ich bin jetzt an diesem Punkt in meinem Leben, an dem mir klar wird: Das kann doch bitte nicht der Inhalt meiner nächsten vierzig Jahre sein. Also musste ich etwas ändern, denn das wird mir keiner abnehmen. Wenn man seine Wünsche laut ausspricht, dann gehen sie eher in Erfüllung – das habe ich gelernt. Auch um zu realisieren, dass »Nein« das schlimmste ist, was passieren kann und sonst erst mal gar nichts passiert. Bis man anfängt, etwas für die Idee zu tun.

Im Juli geht es los: Erst Costa Rica, dann Panama und hoffentlich komme ich noch in den Norden, nach Nicaragua. Und natürlich auch Kolumbien, Ecuador, Peru, Argentinien. Aber wahrscheinlich reicht die Zeit gar nicht für all diese Ziele.

Bist du aufgeregt?

Nicht wegen der Reise, eher wegen der Frage, was danach wohl kommt und wie es weiter geht. Davor habe ich ein wenig Angst: vorm Wiederkommen. Denn eigentlich möchte ich nicht wieder den Beruf ausüben, den ich zuvor ausgeübt habe – ich bin gelernte Bankkauffrau. Ich werde auf jeden Fall nach Europa zurückkehren. Eventuell lande ich in Spanien oder Portugal? Das wäre der Traum.

 

 3    Welche Erinnerung hast du an dein erstes Kinoerlebnis?

An meinen ersten Kinofilm erinnere ich mich extrem gut: Der König der Löwen. Ich komme aus Strausberg, da gab es noch so ein richtig schönes altes Kino mit herunterklappbaren Sitzen, seinen Platz hat man sich selbst ausgesucht und an der Kasse bekam man nicht nur sein Ticket, sondern auch das Popcorn. Es muss so gegen 1990 gewesen sein. Ich habe das noch so gut in Erinnerung. Der Geruch vom Popcorn, meine Füße haben den Boden nicht berührt, weil der Sitz so hoch und ich noch klein war und mein Bruder hat den Film nicht richtig verstanden. Das war ein toller Nachmittag.

 

4    Welches Talent fehlt dir für deinen Beruf?

Es ist kein Talent, sondern eher eine Eigenschaft: Es fällt mir schwer, ein klares Hierarchiedenken und damit einhergehende Autoritäten zu akzeptieren. Besonders bei Vorgesetzten setze ich ein gewisses Maß an Wissen und Können voraus und wenn das dann nicht erfüllt wird, wird es für mich schwierig. Ich stelle dann von Natur aus gerne Dinge infrage – wieso muss ich jetzt diese bestimmte Tätigkeit machen? Ist das wirklich sinnvoll? Ich hatte diverse Chefs und mit manchen konnte ich die Dinge dann gut ausdiskutieren und anschließend mit dem Ergebnis gut leben und mit manchen ging das eben weniger leicht.

Schon meine Mutter hat mich als Kind ständig ermahnt: Susann, denk nach bevor du den Mund aufmachst. Sie war der Meinung, dass ich zu schnell meine Meinung äußere – damit bin ich persönlich aber nie schlecht gefahren. Ich stehe zu allem was ich sage, drücke mich dabei ordentlich aus und werde nicht beleidigend. Dennoch ist mir klar, dass ein gewisses Maß an Akzeptanz nicht schadet. Ich möchte nur nicht ständig das Gefühl vermittelt bekommen: Du bist in diesem Moment das letzte Glied in der Reihe.

 

5    Was ist für dich der schönste Aspekt des Älterwerdens?

Die Gelassenheit. Ich habe mehr im Fokus, was für mich individuell wichtig ist. Man wird egoistischer und lässt sich nicht mehr so viel gefallen, erkennt seine eigenen Grenzen. Das Wort »Nein« ist nicht mehr ganz so gefährlich, man sagt es öfter. In meinen Zwanzigern habe ich mich immer gefragt, was ich von meinem Leben erwarte. Inzwischen habe ich das losgelassen und für mich festgestellt: Egal was passiert, es passiert. Irgendwo werde ich schon landen. Und ich lande auf meinen Füßen.

Es war nie mein Ziel viel Geld zu verdienen, oder dass ein bestimmter Titel auf meiner Visitenkarte steht. Mir war es immer wichtig zu arbeiten und Geld zu verdienen, damit ich reisen kann – das war meine Prämisse. An irgendeinem Punkt hätte sich das drehen sollen, also mehr reisen, weniger arbeiten. Mittlerweile mache ich mir jedoch keinen Druck mehr – als junge Frau hat man davon schon genügend, auch unausgesprochen. Solange ich mich wohl fühle, ist es mir egal, was links oder rechts jemand von mir denkt. Das kam auch eher mit dem Älterwerden. Ich habe bisher nichts in meinem Leben bereut, gar nichts. Und solange das so bleibt, ist alles okay.

 

6    Welche Personen/Medien beeinflussen deine Meinung?

Ich glaube sagen zu können, dass nichts meine Meinung wirklich beeinflusst und meine damit, dass ich mir nie eine Meinung komplett vorgeben lasse oder annehme. Zwar bin ich offen für eine Diskussion, aber meine Meinung lässt sich nicht von einem Medium oder Zeitungsartikel beeinflussen, den ich nicht einmal auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen kann. Das heißt: Wenn ich die Grundlage dessen, worauf sich eine Behauptung stützt, nicht kenne oder nachprüfen kann, dann beeinflusst mich das nicht.

Wenn ein Argument in einer Diskussion gut begründet ist, dann bin ich offen dafür. Wenn es das nicht ist, ist es nur eine haltlose Begründung. Vielmehr hoffe ich dann, dass niemand das unreflektiert übernimmt.

 

7    Erlebt die Welt gerade eine gute oder eine schlechte Zeit?

Auch wenn man das pauschal sicherlich nicht beantworten kann – alles hat Schattenseiten – würde ich sagen: Die Zeit ist sicherlich nicht schlecht. Es ist aber wichtig sich klar zu machen, wie privilegiert wir sind um dann einen Weg zu finden, individuell Verantwortung zu übernehmen. Dazu muss man nicht unbedingt Geld spenden. Ein Bewusstsein zu schaffen, dass es einem gerade gut geht und anderen vielleicht weniger gut – das ist schon ein großer Schritt.

Fest steht: Alles ist bestimmt nicht okay. Ich glaube aber auch, dass wir aus unserem westlich privilegierten Status heraus denken, es ginge anderen schlechter als uns. Wieso glauben wir das eigentlich? Das ist doch arrogant. Nur weil ich ein aus Stein gemauertes Haus bewohne, ist die Hütte am Strand für denjenigen, der in ihr wohnt, nicht zwingend schlechter. Diese Arroganz, also zu glauben, dass es anderen schlechter geht, nur weil sie nicht so leben wie ich, sollte man ablegen.

Liebe Susann, vielen Dank für das Interview.

Über die Person

Im Juli ist Susann aufgebrochen um die Welt zu erkunden: Ein Monat Mittelamerika, dann zwei Monate Kolumbien. Auch wenn Sie Kolumbien liebt und erneut dorthin reisen möchte, hat sie auf dem Weg doch gemerkt, dass sie nach Europa gehört. Seit ein paar Tagen ist sie zurück in Berlin und plant ihre Zukunft: Spanischkurs in Andalusien, Bewerbungen für das Jahr 2018 im Ausland laufen. Mit 34 Jahren fokussiert sie sich also wirklich neu – das finde ich gleichzeitig beeindruckend und völlig selbstverständlich.

Übrigens: Ihr wunderschönes Lomohome, ihren Blog und ihren Insta-Feed.

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