Mein Gespräch mit Carlotta ist schon eine ganze Weile her: April 2018, kurz vor Ostern. Damals war sie 21, studierte Humanmedizin in Breslau. Ich dagegen war kurz davor, nach Berlin zu ziehen: Diese neue Stadt musste ich erst einmal verstehen, ehrlich gesagt bin ich immer noch dabei, und für fünfpluszwei blieb kaum Zeit. Jetzt nehme ich sie mir wieder.

Carlotta ist inzwischen vier Semester weiter, ein Jahr älter und ich habe mich gefragt, ob sie die Antworten heute wohl genauso geben würde: Was hat sich inzwischen verändert? Ist das nicht die Zeit im Leben, in der alles so schnelllebig ist, dass kaum etwas von Dauer ist? Also verstehe ich ihre Antworten als Momentaufnahme. Denn ich mag sie sehr: sie zeigen, welche Gedanken man sich in der Zeit macht, in der man sein Leben selbst in die Hand nimmt, auszieht, eigene Wege geht, diese überhaupt erst mal findet. Und wer weiß, vielleicht stelle ich ihr die Fragen in fünf Jahren ja noch einmal? Bis dahin: Vorhang auf für Carlotta.

Carlotta studiert Medizin in Breslau.

1     Welche Eigenschaft würdest du gerne loswerden?

Als ich die Frage gelesen habe, habe ich sofort daran gedacht, dass ich so ungeduldig bin. Auch beim Lernen. Es nervt mich, wenn ich den ganzen Tag lerne und nicht fertig werde. Aber dann habe ich mir eben die anderen Fragen durchgelesen und konnte mich einfach nicht entscheiden. Und da ist mir aufgefallen, dass das auch eine Eigenschaft ist, die ich gerne loswerden würde: Egal bei was, ich kann mich einfach nicht entscheiden. Auch bei Kleinigkeiten, zum Beispiel, wenn wir Essen bestellen. Ich ärgere mich danach immer, dass ich nicht was anderes genommen habe und bereue das sofort. Eigentlich würde ich aber jede Entscheidung bereuen, ich kann es also nur falsch machen.

Und wie kommst du da raus?

Weiß ich nicht. Ich glaube ich habe irgendwann einfach zu viel darüber nachgedacht. Das kostet Zeit und ist anstrengend. Irgendwann kann ich dann aber auch meinen Frieden damit machen.

2     Wer war dein großes Vorbild in deiner Kindheit?

Pipi Langstumpf. Ich weiß nicht, ob man sie unbedingt Vorbild nennen kann, aber ich fand sie ziemlich gut. Sie hat alleine gelebt, konnte machen, was sie wollte und hat auch alles hingekriegt. Für mich hat sich das damals auch so real angefühlt. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist es natürlich nicht mehr realistisch. Früher fand ich das aber beeindruckend und ich wollte schon ein wenig so sein wie sie. Alles war so einfach. Und danach kam auch kein anderes Vorbild mehr. Ich finde es ist eine gute Eigenschaft, wenn man auf seinen eigenen Beinen stehen kann.

3     Welche Traditionen sind dir wichtig?

Familiensachen. Also, dass wir an Ostern brunchen und wir an Weihnachten immer alle zusammen kommen. Das ist mir wichtig. Es ist zwar nicht selten, dass wir uns alle sehen, aber an solchen Tagen sehen wir uns eben auf jeden Fall. Jetzt bin ich nicht mehr so oft zuhause und merke, wie sehr ich mich darauf freue. Das war auch schon früher so. Ich erinnere mich zum Beispiel immer noch daran, wie wir als Kinder zu Ostern Eier-Weitwurf gemacht haben. Diese Zeit miteinander, ich kenne viele Familien, in denen das eben nicht selbstverständlich ist. Und früher bin ich auch immer mit meiner besten Freundin, die ich seit dem Kindergarten kenne, Heiligabend in die Kirche gegangen. Nicht, weil wir unbedingt in die Kirche wollten, sondern weil es schon immer eine Tradition war, die wir auch heute nicht brechen wollen. Seitdem wir nicht mehr in der Schule sind und an anderen Orten leben, ist das ein fester Termin.

4     Welches Gericht hast du zuletzt für deine Freunde gekocht?

Gemüselasagne. Eine meiner Mitbewohnerinnen ist Vegetarierin, wir kochen das oft gemeinsam. Es ist schon fast unser WG-Essen. Wir wohnen zu dritt in einer WG und jede von uns hat beim Kochen ihre Aufgabe: Annika kauft meistens ein, Julia und ich machen den Rest. Wir sind dann alle zusammen in der Küche und reden über dies und das, was eben gerade so wichtig ist.

Was ist euer Geheimtipp bei der Zubereitung?

Julia macht die Bechamel-Soße selbst, die wird immer richtig gut. Und viel Käse.

5     Wie sieht dein perfektes Wochenende aus?

Auf jeden Fall nicht vor acht aufstehen. Denn wenn ich in der kommenden Woche Klausuren schreibe, stehe ich meistens gegen sieben Uhr auf. An meinem perfekten Wochenende mache ich das nicht. Zum Frühstück gibt es die Pancakes von Julia und es ist schönes Wetter. Neulich waren wir mal auf einem Vintage-Markt und dann auf einem Food-Truck-Festival. Das war richtig schön, da ging es mir so gut: Weil das Wetter toll war und ich draußen war. Ich würde an einem perfekten Wochenende also unbedingt rausgehen. Abends mache ich was mit Freund*innen. Viele meiner Freund*innen mögen Techno. In Breslau gibt es diesen einen Club, Das Lokal, und wenn wir da sind, wird es eigentlich immer ein guter Abend. Alle sind nett und entspannt und ich habe als Frau nicht dieses unangenehme Gefühl, das ich manchmal in anderen Clubs bekomme.

Und wie wäre der perfekte Sonntag?

Sonntags hänge ich dann einfach rum, gucke einen Film, mache aber auf keinen Fall etwas für die Uni. Darüber unterhalte ich mich oft mit meinen Mitbewohnerinnen, die auch Medizin mit mir studieren: Es fühlt sich schon seltsam an, wenn wir mal einen Tag lang nichts für die Uni machen. Ich habe zwar kein schlechtes Gewissen, aber es ist ein komisches Gefühl. Das ist manchmal echt anstrengend. Aber bis jetzt ist ja immer was Gutes dabei raus gekommen. Deswegen ist Lernen eigentlich nichts Schlimmes.

6     Was bereust du?

Eine schwere Frage. Das, was mir jetzt eingefallen ist, bereue ich im Nachhinein nämlich doch nicht: Dass ich in der Schule nicht so viel gemacht habe. Ich war nicht faul oder so, meine Noten waren ja okay. Aber ich habe nie den Mund aufgemacht. Hätte ich das gemacht, hätte ich bestimmt ein besseres Abi und vielleicht einen Studienplatz in Deutschland gekriegt – dann wäre alles viel einfacher gewesen. Aber eigentlich bin ich richtig glücklich in Breslau.

Wenn ich jetzt noch einen Studienplatz in Deutschland bekäme, wüsste ich nicht, wie ich das finden würde. Eigentlich will ich aus Breslau nicht mehr weg. Jetzt ist alles gut, so wie es ist. Aber das wusste ich damals ja noch nicht. Damals habe ich nur eine Absage nach der nächsten bekommen und es hat auch echt gedauert, bis ich endlich meinen Studienplatz hatte. Diese Zeit war schon hart, ich dachte, dass aus meinen Plänen nichts mehr wird. Aber ich wollte das halt unbedingt machen, Medizin studieren. Das hat es nicht gerade leichter gemacht – auch nicht für meine Eltern. Aber es hat sich schon jetzt gelohnt.

7     Worüber hast du zuletzt ganz angestrengt nachgedacht?

Jetzt wo ich zuhause bin über nichts mehr so richtig, was auch mal ganz schön ist. Seitdem ich studiere hat alles immer ein wenig mit der Uni zu tun. An dem Dienstag, an dem ich nach Hause gefahren bin, hatte ich noch eine mündliche Anatomie-Prüfung. Viele hatten die Prüfung schon am Tag davor und der Prof hat alle durchfallen lassen. Ich habe mich dann wirklich den ganzen Tag gefragt, was er mich fragen könnte. Und was ich sagen könnte. Und was ich nicht gut beantworten kann, welche Frage besser nicht kommen sollte. Am Abend vor einer Prüfung mache ich meistens eh nichts mehr. Was ich dann nicht kann, ist eben verloren. Am Ende habe ich bestanden. Und dann auch nicht weiter drüber nachgedacht.

Liebe Lotti, vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Daniel Pfeifer

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