Es ist Frühling in München, Ostern steht schon ungeduldig vor der Tür, April 2017. Ich bin auf dem Weg in das Bahnhofsviertel, mein Ziel ist das Café Kosmos. Dort treffe ich die Autorin Anika Landsteiner zum Interview. Wir bestellen Café und Kuchen, wir reden über ihre Anfänge als Schauspielerin, warum die Unsicherheit von Frauen endlich ein Ende haben muss und was Ani so macht, wenn sie sich etwas gönnen möchte. Das Gespräch ist ehrlich und ausgelassen, wir lachen viel. Los geht’s.

1    Was hast du in deinem ersten Job gelernt?

Bevor ich wurde, was ich heute bin, wurde ich zur Schauspielerin ausgebildet. In dieser Ausbildung habe ich sehr viel über mich selbst gelernt. Man sagt ja oft, dass eine Schauspielausbildung auch eine Art Therapie ist und teilweise so hart, dass man mit Anfang 20 dafür kaum ausreichend gefestigt ist. In einem Kurs, Method Acting, sollte ich einen Song auf der Bühne interpretieren und vorführen mit dem Ziel, den Lehrer zu überzeugen. Diese Methode fordert enorm: Im Grunde bricht man sich selbst auf, geht komplett in das Stück oder Lied hinein. Und warum auch immer – ich war die einzige, die nie ein neues Lied bekommen hat und musste Woche für Woche dasselbe Lied singen: Dido, Here with me. Das ging irgendwann so weit, dass die ganze Klasse für mich aufgestanden ist und die Entscheidung des Lehrers hinterfragt hat. Dadurch bin ich noch schüchterner geworden.

Irgendwann bekam ich dann wieder mal ein negatives Feedback vom Lehrer: Anika, du hast die nächste Runde wieder verpasst, der Funke springt nicht über. Und dann bin ich aufgestanden und gegangen. Das hätte ich mich eigentlich nie getraut, denn ich bin ein sehr höflicher Mensch und überlege immer, was andere über mich denken könnten. Aber dieses Mal war es mir einfach egal. Natürlich hat mein Lehrer mein Verhalten als Negativbeispiel bewertet, für ihn war es ein Aufgeben. Ich jedoch habe gemerkt: Offensichtlich empfinde ich auch eine Art Trotz, habe einen bestimmten Wert für mich definiert und weiß: Ich muss jetzt aufstehen und gehen, denn mir tut das nur noch weh. Das mache ich jetzt für mich, bis hier hin und nicht weiter – diesen Punkt zu finden, das war eine Lektion für mich.

2    Welche schlechte Eigenschaft würdest du gerne loswerden?

Eine, gell? Sie lacht.

Ich mache mich nonstop klein. Ein Beispiel: Du bekommst ein Kompliment und entweder du relativierst es oder gibst es zurück – unabhängig davon, ob du das Kompliment überhaupt an die Person gerichtet hättest. »Was für ein schöner Mantel!«, »Ach, der ist second hand.«

Das passiert im Alltag, ebenso wie im Berufsleben. Wenn Menschen mein Buch kaufen, dann frage ich mich: Warum will das überhaupt jemand lesen? Dieses Kleinmachen würde ich also unglaublich gerne ablegen und zwar, weil es so anstrengend ist. Wenn du kreativ arbeitest, hast du auf der einen Seite diesen unglaublichen Willen, dein Projekt umzusetzen – du kannst es auch nicht nicht machen. Doch dann ist da eben dieser Dämon, der immer wieder sagt, dass du es nicht kannst. Und diesen Dämon habe ich einfach noch nicht überwunden.

Versuchst du in solchen Situationen ganz aktiv dein Handeln zu steuern? Oder denkst du eher anschließend: Ach Ani, das war jetzt unnötig.

Selten kann ich den Moment ausmachen, in dem ich die Situation hätte ändern können. Aber ich finde immer mehr heraus, wie ich in solchen Momenten gegensteuern kann. Wenn ich einen Social-Media-Post über meine Arbeit oder eine Reise publiziere, dann mache ich mir vorab bewusst, dass es die Leser interessiert – sonst hätten sie schließlich meine Seite nicht geliked. Menschen interessieren sich für meine Arbeit, sonst würden sie das Buch nicht vorbestellen. Das muss man doch feststellen dürfen. Ich merke dann oft, dass publizierte Beiträge oder Posts, bei denen ich Selbstzweifel empfinde, auch nicht so gut laufen. Im Gegensatz dazu gehen Sachen, bei denen ich vorab einfach nicht oder weniger drüber nachdenke, durch die Decke.

Ich bemerke diesen Selbstzweifel besonders bei Frauen. Für meine Veranstaltungsreihe ÜberFrauen ist es fast immer besonders schwierig, Frauen als Speaker zu gewinnen. Der erste Antwortsatz auf meine Anfrage ist dann oft: „Was kann ich denn erzählen?“ Dabei geht es ja in erster Linie darum, einen Raum für Frauen zu bieten, in dem man sich austauschen kann. Ich sage dann immer, genau wie du, dass jeder etwas zu erzählen hat. Viele Personen, die sich nach außen selbstbewusst zeigen, sind auch von Selbstzweifeln geprägt. Besonders in diesem Kontext habe ich dann auch gemerkt: Diese Selbstzweifel stecken in jedem. Fang ich doch bei mir an, das zu überwinden.

Also ab heute …

groß machen!

Sie lacht. Ich auch.

3    Was bedeuten dir deine Tattoos?

Ich war 17 und wollte entweder ein Piercing oder ein Tattoo – es ging mir darum, mich darüber ausdrücken zu wollen. Wie war fast schon zweitrangig. Meine Eltern erlaubten mir das Tattoo, aber ich wusste gar nicht, was ich mir tätowieren lassen sollte. Zu diesem Zeitpunkt besuchten meine Mutter und ich einen Chi-Gong-Kurs und sie trug dabei immer ein Yoga-Shirt mit einem Zeichen drauf, dass ich bis dahin nicht kannte. Ich stand ihr also gegenüber, habe das Zeichen gesehen und dachte mir: Das will ich. Natürlich habe ich mich dann erst einmal informiert, was es überhaupt bedeutet. Und auch wenn ich es damals nicht richtig verstanden habe, dachte ich mir: Das ist schön, das passt.

Also bin ich zum Tätowierer gegangen, einem Altrocker der dann später noch im Gefängnis saß, und erklärte ihm mein Anliegen. Der erwiderte dann auch straight: »Ja, ist nicht das schönste Motiv, aber ich kann es dir schon dahin stechen.« Erst Jahre später habe ich wirklich begriffen, dass es das Om-Zeichen ist, das heiligste aller Mantren, daher wird es oft gesungen. Und es steht für die ›Weltseele‹, was ich total schön finde.

Lustigerweise habe ich mir also bereits damals das Zeichen stechen lassen, lange bevor ich dann in Indien war, den Kontext gelernt und verstanden und Yoga für mich entdeckt habe. Mittlerweile mache ich jeden Tag Yoga. Ich wusste also offensichtlich damals schon, wo die Reise für mich hingeht. Es ist zwar nicht gut gestochen und oft vergesse ich über Wochen, dass ich es am Rücken trage, aber irgendwie gehört es jetzt eben zu mir.

4    Welcher Tag deines Lebens ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Der Tag etwa eine Woche nachdem ich mit meinem Agenten und jetzigen Lektor mein Buchprojekt besprochen habe. Wir gingen auseinander, ohne dass ich wusste, was daraus wird. Entweder es würde eine Zu- oder eine Absage. Zwar war mein Bauchgefühl positiv, aber man kennt ja die Fallhöhe, gerade wenn man sich reinsteigert.

Zu dem Zeitpunkt ging es mir aber eh sehr gut: Ich hatte bei Mucbook gekündigt um mich selbstständig zu machen und wollte meinen Freund drei Monate nach Malawi begleiten, der dort beruflich tätig war. An diesem Tag war ich mit meiner Mutter in Bamberg, um ein paar letzte Erledigungen für die Reise zu machen. Ich stand im Hunkemöller, als ich bemerkte, dass mein Handydisplay leuchtete, darauf blinkte der Name meines Agenten. Ich lief dann aus dem Geschäft, habe schon gezittert und geschwitzt. Und dann sagte er: Herzlichen Glückwunsch, du hast einen Buchvertrag. Ich stand in der Altstadt von Bamberg, es hat geregnet und ich war fix und alle.

Wir haben aufgelegt, ich bin ganz euphorisch zu meiner Mutter gelaufen, wir haben uns umarmt und waren gemeinsam fix und alle. Wir sind dann essen gegangen, ich habe die ersten Freunde angerufen – es war ein absolut wunderschöner Tag. Ich weiß noch, wie ich festgestellt habe: Bürojob gekündigt, drei Monate Malawi, ein Buchprojekt und Zeit dafür – ich weiß nicht, ob es mir jemals besser gegangen ist, als an diesem Tag. Die Euphorie hielt schon sehr lange an. Bis es eben zum Alltag wurde: hinsetzen, Buch schreiben.

5    Was ist für dich der schönste Aspekt des Älterwerdens?

Ich werde übermorgen 30, darum habe ich diese Frage gewählt. Die Frage ist ja positiv formuliert, also mag ich sie auch positiv beantworten: Ich finde es schön, dass ich – je älter ich werde – immer mehr Verantwortung für mich selbst übernehme. Besonders jetzt merke ich, wie gut das tut. Man hat Geld für Dinge, die man sich leisten will. Egal ob man in Geld schwimmt oder nicht, ich entscheide selbst, was ich damit mache.

Und das ist natürlich nur ein kleiner Teil der Verantwortung: Ich gehe heute essen, ich bleibe heute im Bett. Ich merke ganz klar: Ich bin für mein Leben selbst verantwortlich. Denn am Ende des Tages muss die Miete bezahlt werden, das Finanzamt gefüttert und noch viel mehr. Zu merken, dass das funktioniert – das ist doch super.

So wirklich festgestellt habe ich das Ende Februar. Ich hatte einen richtigen Winterblues und wollte unbedingt weg. Aber keiner konnte oder wollte mich begleiten. Ich habe also einfach gebucht – das hätte ich mit 18 oder 19 Jahren nicht gemacht. Aber jetzt wusste ich, dass ich das auch ohne Begleitung hinbekomme, ich habe mich sogar darauf gefreut.

Das ist nur ein Beispiel, im Grunde geht es um das Konzept dahinter: Festzustellen, dass all diese Sachen, die dir alleine eventuell Angst machen, nicht so groß sind und man das schon irgendwie hinbekommt. Wir leben in einem Land, in dem jeder wirklich machen kann, was er will, wenn er es wirklich will. Das finde ich sehr sehr schön. Anfang 20 hat sich das noch ganz anders angefühlt.

Wann hast du das erste Mal bewusst gemerkt, dass du die Verantwortung allein trägst?

2010 bin ich nach Kalifornien geflogen, das war schon eine Art Freiheitsgefühl. Bewusst war mir das sicherlich nicht, aber ich habe es halt gemacht: einfach wegfliegen. Auch alleine. Viele schreiben mir, dass sie sich nicht trauen, alleine zu reisen. Die Wahrheit ist aber, dass gar nicht so viel dazugehört, einfach aufzubrechen. Du findest überall Anschluss. Und im schlimmsten Fall kannst du immer heim. Dann buchst du um – das wird teuer –, aber du kannst heim.

6    Was machst du, wenn du dir etwas Besonderes gönnen möchtest?

Gönnen im Kleinen fängt damit an, sich den Kaffee zu holen und noch einmal ins Bett zu gehen. Das habe ich beispielsweise heute gemacht. Ich wusste, die neue Folge meiner aktuellen Lieblingsserie ist draußen und jetzt gönne ich mir das noch. Gönnen im Großen – das ist meistens tatsächlich mit Essen verbunden. Und dann natürlich mit Reisen. Wenn es ansatzweise passt, dann buchen und los.

Wohin?

Buenos Aires. Ich stell mir das so schön vor: Tangotänzer, Alleen, gepflasterte Wege und Kolonialbauten. Da will ich unbedingt noch hin.

7    Wie sieht dein privates Medienverhalten aus?

Was ist das eigentlich genau? Jegliche Form von Nachrichten? Nur Hobby? Das vermischt sich ja schon sehr. Ich bin ein sehr großer Netflix-Junkie. Vor allem zum Abschalten. Ich würde derzeit gerne mehr lesen, habe aber festgestellt, dass mich das während der aktuellen Arbeit am Buch nicht entspannt. Da sind Serien gerade die bessere Alternative und dann auch gerne ganze Serien am Stück.

Dann lese ich viele Blogs, versuche aber, weniger Reiseblogs zu lesen. Ich fange sehr schnell an zu vergleichen, auch unbewusst. Das ist nicht zwingend blöd, aber dieser ganze Input ist schon nicht zu unterschätzen. Oft stelle ich dann leider auch mein eigenes Format infrage. Nachrichten umgehe ich weitestgehend, es sei denn, sie sind – meinem Verständnis nach – wirklich wichtig.

Auf Instagram verbringe ich viel Zeit, jedoch macht mir das auch am meisten Spaß – besonders durch die Storys. Leider entzaubern sich dadurch aber auch viele Formate: Blogs, die du toll findest, die Personen dahinter spannend und dann zeigt sich in den Storys ein ganz anderes Bild oder dein Bild von der Person wird eben nicht bestätigt. Ich merke dann, dass ich mit den Personen, die ich so interessant fand, doch recht wenig anzufangen weiß.

Liebe Ani, vielen Dank für das Interview.

Über die Person

Anika Landsteiner arbeitet als Autorin in München und der ganzen Welt. Im vergangenen Jahr gab sie ihr literarisches Debüt mit dem Buch »Gehen, um zu bleiben: Wie ich in die Welt zog, um bei mir anzukommen«, erschienen im Goldmann Verlag. Aktuell arbeitet Ani an einem Roman, der 2018 erscheinen wird. Auf ihrem Blog Ani denkt. schreibt sie über ihre Reisen, ihren Alltag und was sie dazwischen so beschäftigt. Ihr neu aufgelegter Podcast ÜberFrauen löst vorerst die gleichnamige Veranstaltungsreihe ab und gibt Frauen eine starke Stimme. Damit liefert das Hörstück für mich einen großen und wichtigen Beitrag zur aktuellen Onlinewelt.

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