3 Meter hohe Decken, Stuck, unter den Füßen Holzdielen – wenn Marianna Hillmer nicht gerade für ihren Reiseblog WeltenbummlerMag die Welt bereist, findet man sie hier. Erst vor kurzem zog sie vom Hinter- in’s Vorderhaus, ein typischer Berliner Altbau in Schöneberg. Hier wohnt sie nicht alleine: Ihre Tochter Marlene liegt neben ihr auf dem Sofa, Freund Johannes arbeitet im Nebenzimmer. Und während draußen die Berliner vom Sommer verwöhnt werden, machen wir es uns bei geöffneter Balkontür im Wohnzimmer gemütlich.

 

1      Wie geht es dir?

Mir geht’s gut! Deswegen antworte ich auch immer so gerne auf diese Frage, weil es mir eigentlich immer gut geht. Ich bin grundzufrieden, in der Regel zumindest, und hab’ Spaß an allem, was ich tue. Außerdem habe ich diese Nacht sogar vier Stunden am Stück geschlafen, deswegen geht es mir jetzt besonders gut.

 

2      Welches Handwerk fasziniert dich?

Arbeiten mit Holz. Wenn man mit den Händen etwas erarbeitet, selbst designt und den ganzen Prozess währenddessen mitverfolgt, das finde ich faszinierend. Du hast diesen Baumstumpf und dann entwickelt sich daraus etwas. Ob das ein Dekorations- oder Gebrauchsgegenstand ist, spielt vorerst keine Rolle. Sondern die Herstellung, das Prozedere selbst ist entscheidend. Etwas selbst herzustellen, dabei zusehen zu können, darauf bin ich neidisch. Ich würde gerne sagen können: Ich kann mit meinen eigenen Händen etwas produzieren das nützlich ist, das aus der Natur kommt, bei dem man nicht unbedingt auf eine Technologie angewiesen ist. Ich kann mich da auch drin verlieren, indem ich einfach zuschaue.

Meinen Küchentisch zum Beispiel habe ich selbst restauriert, aber das ist nicht das Gleiche. Da hat bereits jemand aus Holz etwas tolles hergestellt und ich habe es geschafft, es einigermaßen wieder in Schuss zu bringen und zu wachsen, zu schleifen. Und währenddessen die Frage: Wieviele Leute haben wohl schon an diesem Tisch gesessen? Er stammt aus einer Kneipe, also haben wohl unzählige Menschen an ihm getrunken, Geschichten ausgetauscht und das passt ja auch – Holz ist schließlich ein lebendiges Material. Einige Spuren verschwinden auch nicht mehr, obwohl ich wirklich geschliffen und geschliffen habe. Und dann frage ich mich: In welcher Situation ist das wohl entstanden? Wer das wohl war? Kann ja durchaus jemand Berühmtes gewesen sein, vielleicht Hemingway im Streit mit Picasso.

 

3      Worüber hast du zuletzt ganz angestrengt nachgedacht?

Was meine Tochter heute Mittag zu essen bekommen soll. Und davon abhängig: Gebe ich ihr etwas Neues, oder etwas, das sie bereits kennt? Ich überlegte zwischen Pastinake oder Grießbrei und beides hat Marlene noch nie gegessen. Aktuell arbeiten wir daran, dass sie wieder durchschläft und deswegen wollen wir sie nicht mit zu vielen neuen Lebensmitteln aufregen und fordern. Am Besten sie entwickelt eine gewisse Langeweile und kann dann wieder intensiver schlafen. Denn aktuell findet sie dazu kaum die Ruhe, alles ist so aufregend: Was gibt es zu essen, was ist akustisch neu, was kann ich entdecken? Kurz: Die Welt erobern ist ihre Priorität Nummer eins. So nach einer Stunde nächtlichen Nachdenkens stand dann um zwei Uhr nachts fest, dass nur ein neues Gericht auf den morgigen Speiseplan kommt, Grießbrei. Dann erst konnte ich beruhigt weiterschlafen.

 

4      Was war dein letztes Abenteuer?

Das mit Abstand größte Abenteuer – und eben wirklich auch Abenteuer – war die Geburt meiner Tochter. Ich dachte, ich wüsste, was passiert. Aber wie es sich dann tatsächlich anfühlt, was währenddessen und um einen herum geschieht, und dass am Ende alles gut geht – dass war wirklich eine irre Erfahrung.

Auch wenn es aktuell noch kein Thema ist, hat mich nach der Geburt ganz lange eine Frage beschäftigt: Möchtest du dich darauf jemals erneut einlassen? In meinem Kopf tobte ein ständiger Kampf zwischen „Geschwister sind etwas Tolles.“ versus „Ein Kind genügt doch völlig.“

Schnell habe ich mich dann nicht mehr gefragt, ob ich noch ein weiteres Mal Mutter werden will, sondern ob ich überhaupt ein zweites Mal in der Lage bin, diesen Schmerz auszuhalten. Nach einigen Wochen hat sich dann jedoch etwas neues eingestellt. Die überzeugte Hoffnung, dass es einfach nicht erneut so schlimm werden kann.

Dann ist es wirklich so, wie alle sagen: Man vergisst den Schmerz?

Ja, man vergisst den Schmerz. Er ist mir zwar durchaus präsent. Ich weiß: Es war richtig schlimm. Aber ich kann ihn nicht mehr reproduzieren. Anfänglich wusste ich noch ganz genau, wie er sich anfühlte. Die Angst vor dem Schmerz habe ich bereits jetzt. Das ist der Unterschied: Beim ersten Mal hatte ich keine Angst, dass war eher eine positive Nervosität. Jetzt weiß ich, was mich erwarten kann.

Aber am Ende ist es das doch wert?

Komischerweise sind das für mich zwei voneinander losgelöste Ereignisse. Während der Geburt war ich kaum in der Lage daran zu denken, dass das Ergebnis ein Kind sei. Dieses Glücksgefühl hat den Schmerz nicht abgelöst. Es gab vielmehr einen sehr scharfen Cut. Aber eventuell wird das Erlebnis mit der Zeit ein ganz anderes? Die Geburt selbst war ein absolutes Abenteuer, unplanbar. Für mich, aber auch für Johannes.

 

5      Welche Erinnerung hast du an dein erstes Kinoerlebnis?

Sie lacht.

Ich erinnere das wirklich noch sehr gut, deswegen musste ich die Frage wählen. Damals war ich in der dritten Klasse, also schon recht alt für den ersten Kinobesuch. Wir haben einen Film gesehen über zwei Bären und soweit ich weiß war es eine Disneyproduktion, jedoch kein Zeichentrickfilm. Der kleine Bär hat seine Mutter verloren und lief einem großen Bären hinterher. Der hat ihn dann irgendwann aufgenommen. Ich saß in der ersten Reihe und versuchte zu begreifen, was auf dieser riesigen Leinwand passierte. Ich erinnere das bis heute vollkommen detailliert: Es war ein altes Kino, nicht groß. Nur den Namen kann ich nicht mehr rekonstruieren, obwohl es in Hamburg kaum mehr alte Kinos gibt und damals auch schon kaum mehr gab. Natürlich gab es ein Happy End. Irgendwann tauchte ein Wilderer auf und jagte den kleinen Bären. Der große Bär verscheuchte den Wilderer mit einem unglaublichen Gebrüll, riss sein Maul weit auf und plötzlich war ich mittendrin, im Maul des Bären. Dass der große Bär den kleinen so beschützt hat, das hat mich damals wirklich ganz tief gerührt.

 

6      Welche aktuellen Debatten verfolgst du?

Bei all dem Neuen, was gerade in meinem Leben passiert – Umzug, Marlene und dann bleibt auch noch die Arbeit – kommt die Außenwelt ein wenig zu kurz, ich verfolge nichts wirklich intensiv. In ein großes Erstaunen versetzt mich jedoch der amerikanische Wahlkampf. Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass dieser Kerl zu einem Präsidentschaftskandidaten wird, dass er dafür überhaupt zur Verfügung steht? Jeden Tag warte ich auf die Nachricht, dass durch irgendeinen bisher nicht beachteten politischen Mechanismus, eine Klausel oder ähnliches, bekannt wird: Donald Trump ist nicht länger ein Präsidentschaftskandidat der vereinigten Staaten von Amerika. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Mann überhaupt wählbar sein soll. Was ich so absurd finde, ist folgendes Szenario: Ein Typ im nahen Osten der ähnlich agiert wie Trump – die USA wären die ersten, die einmarschiert wären, um den Weltfrieden zu sichern. Aber passiert so etwas in Amerika, schaut der Rest der Welt zu und wartet ab. Das ist ja auch richtig so, versteh mich nicht falsch. Aber es gibt hier schon eine gewisse Doppelmoral: Passiert so etwas in einem westlichen Land, berichten die Zeitungen, aber mehr auch nicht.

 

7      Welches Talent fehlt dir für deinen Beruf?

Die Geduld mit mir selbst. Ich muss das lernen und erarbeiten und darauf achten, die Ungeduld auch mal zurückzustellen. Innerlich bin ich immer noch wahnsinnig ungeduldig, aber ich versuche, es nicht nach außen zu tragen. Es wäre manchmal einfach schöner, wenn ich die Geduld besäße, einen Text ein zweites, drittes oder viertes Mal zu überarbeiten. Ich weiß, dass der Text dann noch besser wäre. Aber dafür fehlt mir einfach auch die Zeit. Früher habe ich an Ansätzen sehr lange gefeilt. Aber jetzt ist es mein Beruf und nicht mehr ausschließlich ein Hobby – Texte müssen schneller fertig werden, es gibt Deadlines. Kleinigkeiten, an denen ich früher ewig lange gewerkelt habe, kommen jetzt manchmal zu kurz. Da mangelt es mir wirklich an der Geduld.

Marianna, lieben Dank für das Gespräch!

Und was sagst du dazu?

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