Das Essen ist bestellt, der bretonische Wein geht in die nächste Runde. Links oben in Frankreich sind Jana Zieseniß und ich auf Pressereise in der schönen Bretagne und das ist für uns ganz exemplarisch: Denn auf einer Pressereise haben wir uns auch kennengelernt. Was im vorletzten Frühsommer am Flughafen von Thessaloniki begonnen hat, spann sich bereits in mehreren Treffen weiter und führt uns jetzt an diesen Tisch: Wir sitzen auf der Terrasse eines kleinen Restaurants am Hafen von Sainte-Marine und je tiefer die Junisonne rutscht, desto rarer werden hier die freien Tische.

 

1    Wann findest du deinen Beruf langweilig?

Im Prinzip immer dann, wenn es zu viel Routine gibt. Damit meine ich nicht unbedingt die Tatsache, dass ich gleiche Kunden betreue und dadurch ein Alltag entsteht. Eher: Jetzt trete ich hier auf der Stelle, es geht nicht voran. Fast wie bei einer gescheiterten Beziehung. Man hat das Gefühl, dass alles stagniert und sich nicht weiterentwickelt. Mir fehlt dann der Spielraum, in dem ich mich kreativ ausleben kann – stattdessen arbeite ich nur noch Aufgaben ab. Das macht vielleicht noch im ersten Jahr Spaß, eventuell im Zweiten, doch dann ist es vorbei mit der Motivation.

 

2    Was war früher wirklich besser?

Ich finde nicht, dass man überhaupt feststellen kann, was früher besser war als heute und sehe überhaupt keine Grundlage für so einen Vergleich. Er bringt einfach nichts! Eventuell macht man sich darüber zwar Gedanken, sieht dann aber nicht, was man aktuell hat oder was damals statt besser, schlechter war. In meiner Jugend beispielsweise wollte ich immer in den 70ern leben. Ständig dachte ich mir, ich sei in der falschen Zeit geboren. Aber 1968 gab es nicht einmal meinen Job. Heute gibt es viele weitere Dinge, die mir mindestens genauso wichtig sind wie die gute Musik oder das Flair der Zeit, und die ich nicht bereit bin, dafür aufzugeben.

Ein anderes Beispiel: Als meine Eltern damals zusammenziehen wollten, hatten sie Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. Denn sie waren nicht verheiratet. Kaum jemand wollte ein unverheiratetes Paar als Mieter. Aus solchen Gründen keine Wohnung mehr zu bekommen, ist heutzutage unvorstellbar.

Wir haben in so vielen Dingen einen Standard erreicht, der früher zwar auch erstrebenswert, aber nicht selbstverständlich war. Heute sehen wir das als Bereicherung. Deswegen plädiere ich dafür, bevor man ein Urteil fällt, die Kehrseite der Medaille zu betrachten und abzuwägen. Abgesehen davon, dass die Diskussion darüber eh sehr beliebig ist. Wir müssen es eben so nehmen, wie es ist. Eine Sache war damals besser, tausend andere sind es heute und umgekehrt.

 

3    Wohin gehst du als erstes in einer Stadt, die du noch nicht kennst?

Eigentlich ist das abhängig von der Art der Reise. Reise ich privat und habe die Wahl, führt der erste Weg oft in meine für diesen Anlass gemietete Wohnung. Denn dann bin ich ungern nur Tourist, sondern möchte die Stadt mit all ihren Facetten kennenlernen. Ich gehe auf die lokalen Märkte, kaufe ein. Das ist dann für mich quasi schon eine Art Sightseeing. So entdeckt man die Strukturen einer Stadt, kennt die nächste Bar und den Laden nebenan. Deswegen würde ich mich immer gegen einen Sightseeingbus entscheiden um eine Stadt zu entdecken und stattdessen eine Wohnung beziehen, den ersten Einkauf tätigen, eine gute Flasche Wein öffnen und zuallererst einmal ankommen. Das erste Erspüren einer Stadt, sozusagen. Bei beruflichen Reisen bin ich oft weniger flexibel.

 

4    Was möchtest du deinen Kindern mitgeben?

Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, ob ich mich überhaupt als Mutter sehe und Kinder will. Aber ich habe in meinem Leben jetzt schon so viel erlebt, dass ich das irgendwie weitergeben möchte. Und damit meine ich ganz grundsätzlich das Leben überhaupt.

Natürlich habe ich aber auch Werte, die mir wichtig sind und, die ich meinem Kind dann vermitteln wollen würde. Ich bin der Meinung, wir sind auf der Welt, um glücklich zu sein und das Positive zu sehen. Es gibt so viele Menschen, die ständig negativ eingestellt sind. Deswegen möchte ich meinen Kindern eine positive Lebenshaltung mitgeben: Dein Glas ist immer halb voll. Mir ist klar, dass man nicht immer so optimistisch sein kann. Vielmehr geht es um die Quintessenz: Sei offen für alles, was kommt, erweitere deinen Horizont, reise ohne Vorurteile und mit offenen Augen durch die Welt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich Bildung. Sie ist ein Privileg und kann ganz unterschiedlich durch Bücher, aber auch durch das Reisen vermittelt werden.

 

5    Wann warst du zuletzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Grundsätzlich glaube ich an Schicksal und Fügungen. Deswegen habe ich oft das Gefühl, dass vieles vorherbestimmt ist und dann genau so kommen sollte, wie es dann auch kam. Bisher hatte ich schon oft das Gefühl, dass Dinge passieren, die ich gar nicht so sehr forciert habe. Dennoch fügen sie sich dann aber sehr passend in das Gesamte ein. Dann denke ich mir: Jetzt warst du wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Während meines Studiums zog ich zum Beispiel in eine Wohngemeinschaft und verliebte mich in meinen Mitbewohner und heute ist er der Mann an meiner Seite.

Auch bei meiner Selbstständigkeit merke ich oft, dass sich Dinge für mich zum Positiven fügen und oft genau dann erscheinen, wenn ich sie gut gebrauchen kann. Kurz: Ich bin ein Fan des Zufalls. Das liegt natürlich auch daran, dass ich viele Interessen habe, flexibel bin und offen für neue Projekte. Ich sehe eine Chance, ergreife sie und denke dann: Mensch, das hat genau jetzt gut gepasst. Viel wichtiger als die konkrete Antwort auf die Frage ist doch also die Einstellung dazu. Manchmal muss man einfach darauf vertrauen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und fest daran glauben, dass sich irgendwann alles zum Besten fügt.

 

6    Welche Idee trägst du seit Jahren mit dir herum, ohne sie umzusetzen?

Erst vor Kurzem hatte ich die Idee, eine Lama-Farm zu eröffnen. Letztes Jahr verschlug mich eine Pressereise nach Zell am See Kaprun, und dort stand »Lama-Trekking« auf dem Programm. Die Interaktion mit den Tieren war für mich etwas völlig Neues und hat mich nachhaltig beeindruckt. Im Gegensatz zu beispielsweise Hunden sind Lamas viel ruhiger, eher wie Katzen. Das hat mich auch selbst beruhigt. Ich fand es total schön, mit diesem Lama durch die Gegend zu wandern und da kam mir die Idee zum Lama-Trekking im Westerwald oder an der Mosel.

Das wäre doch mal ein alternatives Geschäftsmodell, sollte es mit der Selbstständigkeit einmal vorbei sein oder im besten Falle könnte es sich gut ergänzen. Das einzige Problem wäre, dass ich mit einer Lama-Farm nicht mehr so flexibel bin und weniger reisen müsste. Das hält mich dann doch davon ab. Sie lacht.

 

7    Wenn du eine Supergroup aus deinen Lieblingsmusikern zusammenstellen dürftest, wer wäre dabei, wie würde sie heißen und was für Musik würde sie machen?

Das ist wirklich schwierig, denn ich höre sehr unterschiedliche Musik. Wie schon gesagt mag ich Musik aus den 70ern. Mittlerweile konnte ich mich aber auch mit den 80ern anfreunden und dann wiederum mag ich auch klassische Musik – meine Lieblingsoper ist Così fan tutte von Mozart. Jede Musikepoche hat eine Berechtigung und Qualität – daher finde ich die Entwicklung der Musikgeschichte fast schon interessanter, als eine Non-Plus-Ultra-Band.

Wenn ich mich aber entscheiden soll, dann sollte einer von den Beatles dabei sein und auf jeden Fall Jim Morrison von den Doors. Zur Abwechslung ein wenig deutscher Hip Hop: Peter Fox. Für den Live-Charakter wähle ich Alex Trimble von Two Door Cinema Club, ergänzt von Adele. Ich glaube das wird super. Sie würden sich »Two doors saying hello« nennen und musikalisch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereinen.

Jana, lieben Dank für das Gespräch!

Über die Person

Auf ihrem Reiseblog Sonne & Wolken bloggt Jana über ihre Reisen, schreibt zu diesem Thema eine monatliche Kolumne auf Edition F, gründete im Team das Chapter One Mag und arbeitet dann auch noch als Autorin und Social Media Beraterin in Koblenz und der Welt. Wie Jana das schafft? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Am besten fragt man sie das nachts auf einem Hotelbalkon in Griechenland, wenn man gemeinsam die zweite Flasche Wein öffnet die Nacht langsam zum Morgen wird.

Über dieses Interview

Mit Jana führte ich im Juni 2016 das allererste fünfpluszwei-Interview. Ich freue mich daher besonders, dieses schöne Interview jetzt zu veröffentlichen und verbinde damit nicht nur den Spaß, den wir beide währenddessen hatten, sondern auch eine große Portion Aufregung: Bewährt sich das Konzept wirklich so, wie ich es mir vorstelle? Jawohl. Und ich hätte mir keine bessere erste Kandidatin für fünfpluszwei vorstellen können.

Und was sagst du dazu?

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